Bryozoen (Moostierchen)


Seit kurzem beschäftige ich mich mit diesen wenig beachteten tierchen. durch meine tätigkeit beim Senckenberg institut konnte ich hier einiges dazulernen.

Hier eine Erklärung worum es sich hierbei handelt:

Auszug aus einem Artikel in "Geologica Saxonia" Ausgabe 2016, " Cheilostome Bryozoen " von

Silviu O. Martha , Birgit Niebuhr  und Joachim Scholz

 

Bryozoen heißen zu deutsch Moostierchen. Ihren Namen verdanken sie ihrem Aussehen, der an Moosteppiche erinnern kann.

Bryozoen, auch Moostierchen, Ectoprocta oder Polyzoa genannt, sind ein Stamm von koloniebildenden, wirbellosen Tieren, die ausschließlich aquatisch vorkommen. Mit über 6.000 lebenden und mehr als 16.000 fossil überlieferten Arten gehören sie, trotz ihres geringen Bekanntheitsgrades, zu den Tierstämmen von wenigstens mittlerem Artenreichtum.
Bryozoen sind fast durchweg klein. Die Einzelwesen (Zooide) filtrieren mittels eines Tentakelkranzes, dem Lophophor, Nahrungspartikel wie zum Beispiel Phytoplankton aus dem Wasser und sind selten größer als ein halber Millimeter, während die teils strauchförmigen, teils laminaren Kolonien (Zoarien) im Millimeter- bis Zentimeterbereich liegen. Selten werden Bryozoen größer und dann, je nach Wuchsform, zum Beispiel als Bryolith, Bryostromatolith oder Neptunschleier bezeichnet. Von wenigen Schwimmkolonien abgesehen sind die meisten an ein Substrat festgeheftet und kommen in allen Breitengraden und allen Wassertiefen in Süß-, Brack und Salzwasser vor.

Bryozoen
Bild 1 Organisationsschema einer cheilostomen Bryozoe (bearbeitet nach Ryland 1970, Ostrovsky 2013). Quelle: hier

Bryozoen können entweder ein Substrat überziehen (inkrustieren) oder aufrecht wachsend an ein Substrat geheftet sein. Zooide einer Kolonie können entweder in einer einzigen oder in mehreren Reihen angeordnet sein. Auch können sie entweder einschichtig vorliegen oder aus mehreren Lagen von Zooiden aufgebaut sein.  Einige aufrecht wachsende Bryozoen besitzen Kolonien aus zwei Zooidlagen, die mit den Rückseiten verwachsen sind.

Untergliedert werden Bryozoen in drei Klassen (Gymnolaemata, Phylactolaemata und Stenolaemata), die acht Ordnungen umfassen. Die meisten Arten leben marin, wo sie häufig wunderschöne, teilweise bizarr anmutende Kolonien bilden. Aus dem Süßwasser sind nur etwa 100 Arten bekannt, die größtenteils der Klasse Phylactolaemata (Süßwassermoostierchen) angehören, doch auch hier werden stetig neue Arten entdeckt und beschrieben.

 

Die ältesten zweifelsfrei als Bryozoen klassifizierten Fossilien stammen aus dem untersten Ordovizium von China (Ma et al. 2015). Damit wären sie der einzige größere Tierstamm, der aus der Zeit der kambrischen Explosion noch nicht nachgewiesen wurde, obwohl es einige kontrovers diskutierte Funde von womöglich kambrischen Bryozoen gibt. Außer den Cheilostomata sind die anderen sieben bekannten Ordnungen der Bryozoen bereits im Paläozoikum nachgewiesen, jedoch starben alle außer drei Ordnungen (Ctenostomata, Cyclostomata und Plumatellida) bereits in der Trias wieder aus. Diese drei Ordnungen und die später hinzugekommenen Cheilostomata kommen auch heute noch vor. Ihre große Blütezeit erreichten Bryozoen in den Schelfmeeren der Oberkreide und des frühen Paläogens. Insbesondere die boreale Schreibkreide enthält häufig zahlreiches Bryozoenmaterial.

 

Ctenostomata haben ein organisches, chitiniges Außenskelett, während bei Phylactolaemata die Außenwand mittels Muskulatur stabilisiert wird.  Bei allen anderen bekannten Ordnungen jedoch besteht es aus Kalzit, Aragonit oder beidem. Bryozoen-Zooide funktionieren wie eine hydropneumatische Maschine. Über eine von Parietalmuskeln bewirkte Erhöhung des Binnendrucks in der Leibeshöhle wird der Tentakelkranz ausgestülpt und mittels Retraktormuskeln wieder eingezogen. Die Art und Weise, wie feste Teile als Muskelansatzstelle und flexible, membranöse Teile miteinander im Raum als funktionsfähiges Ganzes angeordnet sind, ist Dreh- und Angelpunkt der gesamten Bryozoen-Klassifikation auf der Ebene von Klassen, Ordnungen und selbst Familien. Speziell die Morphologie des kalkigen Skeletts wird zur Klassifikation auch der Gattungen und Arten verwendet.
Eine Bryozoenkolonie entsteht aus einer Larve, die sich genetisch von der Mutterkolonie unterscheidet und sich innerhalb weniger Stunden nach Ausbrütung auf einem Substrat festsetzt. Durch Metamorphose entsteht aus der Larve, das erste Zooid, die Anzestrula einer neuen Kolonie. Das Wachstum einer Kolonie erfolgt schließlich ungeschlechtlich und klonal durch Knospung von Tochterzooiden. Die Richtung, in die eine Kolonie wächst, wird als distal, dementsprechend die Richtung zum Ursprung hin als proximal bezeichnet.

In einer Bryozoenkolonie können verschiedene Formen von Zooiden vorkommen, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Autozooide tragen einen Tentakelkranz und dienen der Ernährung der Kolonie. Sie besitzen einen Weichkörper (Polypid) und ein Außenskelett, das den Weichkörper umgibt (Cystid). Da der Weichkörper fossil in der Regel nicht erhaltungsfähig ist, fasst man beides im paläontologischen Sprachgebrauch als Zooecium zusammen.

Heutzutage werden zur genauen Bestimmung von Bryozoen in der Regel Rasterelektronenmikroskopaufnahmen verwendet, da viele Strukturen, wie z. B. Stachelansatzstellen, erst bei starker Vergrößerung sichtbar werden. Doch auch mit einem Stereomikroskop (Binokular) oder einer guten Lupe kann die faszinierende Welt der Bryozoen entdeckt werden.

Bild 2 Quelle: Ernst Haeckel Kunstforum
Bild 2 Quelle: Ernst Haeckel Kunstforum